Claudia Neumaier 

Aromapraxis - Destillation - Astrologie - Stadtführungen [nö ... grad nicht ...]


Das SfA-Interview mit

Claudia Neumaier

Kursleiterin "Ars Destillatoria" am 24./25.Mai 2019

 

Erika Haussener: Liebe Claudia, ich freue mich sehr, mit dir am 24. und 25. Mai 2019 unseren 2tägigen Destillationskurs zu leiten. Dein beruflicher Lebenslauf ist spannend: Du bist Magister Artium in alter Geschichte, Archäologie und antiker Philosophie, ausgebildet in Phytotherapie, Kräuterheilkunde, traditioneller Abendländischer Medizin und in Aromatherapie. Dich trifft man im Kostüm auf historischen Führungen zu Medizingeschichte, Hexenverfolgung und vielen weiteren spannenden Themen. Und in der SfA dürfen wir dich in einem ganz besonderen Destillationskurs erleben.

Seit wann destillierst du selber? Und woher kommt deine Liebe zur Kunst des Destillierens?

Angefangen ... oder besser gesagt ... Eingefangen hat mich die Destillation schon 2012 – im Zuge der Ausbildungen in Phytotherapie und Traditioneller Abendländischer Medizin. Da standen wir im Labor staunend, ehrfürchtig und begeistert vor den gläsernen Apparaturen, die aus einem mittelalterlichen Alchemistischen Labor entsprungen schienen.

Unvergessen der Moment und der Duft, als aus der Destille der erste Tropfen ätherisches Öl der Kamille kam. Dann versteht man „Kamille, blau“. Da hätte ich nie gedacht, dass ich das danach selbst bewerkstelligen könnte „viel zu kompliziert für einen Privatmenschen“, dachte ich. Und dann begegnete ich der „alchemistischen Destillation“ mit ihrem geradezu minimalistischem Geräteaufwand. Da war es um mich geschehen! Plötzlich war die Vorgehensweise einfach: Ab diesem Moment wanderte alles in die Destille, was „nicht bei drei auf dem Baum war“. Die Duftrosen aus dem Garten, die Kräuter aus dem Beet, Schafgarbe am Wegesrand einer Wanderung ...

Aber jenseits des Duftes des Ergebnisses fasziniert mich, dass es ein altes Verfahren ist. Dass es mehr als nur die Produktion eines fein riechenden Wässerchens ist. Dass dahinter eine jahrhundertealte Kunst und jahrtausendealte Philosophie steht.

Hydrolate als zusätzliches Resultat der Destillation ätherischer Öle haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen; sie sind nicht mehr nur ein „Abfallprodukt der Destillation“. Was fasziniert dich an diesen duftenden Pflanzenwässern?

Das war wirklich Liebe auf den ersten Blick! Schon am Anfang meiner Aroma-Ausbildung haben mich die Hydrolate fasziniert und mein erstes Referat in der Ausbildung handelte von Rosenwasser!

Meine historische Begeisterung war geweckt, als ich auf die Schriften über die „geprennten Wasser“ des Strassburger Wundarztes Hieronymus Brunschwig (1450-1512) stiess. Seine Werke über die Destillierkunst waren bahnbrechend in ihrer Zeit – und manchmal denke ich, sie sind es auch heute noch. Und die Erkenntnis, dass die für die Aromatherapie jüngst „neuentdeckten“ Hydrolate eine ganze alte Form der Anwendung in der Pflanzenkunde darstellen. Nicht nur duftende Pflanzen wurden im 16. Jhdt destilliert und nicht nur für die Herstellung einer damals sehr viel geringeren Zahl an ätherischen Ölen ... es scheint, als wäre nahezu alles in die Destillen gewandert.

Rose, Fenchel, Engelwurz – duftende Blütenwasser, aromatische Kräuterwasser. In alter Zeit wurden ebenso Pfifferlinge, Lauch und Hirschzunge (der Farn!) destilliert. Es ist die Universalität der Anwendungen die mich auch so sehr begeistert: innerlich in der Aromaküche und äusserlich in der Kosmetik. Hydrolate kann ich eigentlich nicht zu hoch dosieren, sie sind schon in physiologischer Dosis. Wunderbar für Babies, für alte Menschen, ja sogar meine Katze liebt, wenn sie mit Melissenhydrolat – auf die Hände gesprüht – gestreichelt wird.

Gibt es ein selber destilliertes Hydrolat, das dich bei dessen Anwendung besonders beeindruckt hat?

Überrascht hat mich ein Hydrolat aus Löwenzahnblüten, geerntet und destilliert an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Die Ernte- und Destillierbedingungen erschienen identisch. Aber das Ergebnis! Die Hydrolate von Tag 1 und 2 rochen krautig, frisch, grün. Tag 3 ergab ein Hydrolat, das nach Rose! duftete. Ein Traum von Gesichtswasser!

Die Tonkabohne roch gleich nach der Destillation wie „alter, nasser Hund“. Gottseidank hab ich es nicht weggeschüttet. Dieses Destillat hat mich gelehrt, dass Hydrolate reifen müssen. Nach einer Woche war er da, der traumhafte Duft der Tonkabohne.

Du siehst, so recht kann ich mich nicht entscheiden ... Da wäre noch einer meiner Lieblinge: Palo Santo, das als Raumspray in der Kombination mit Weihrauch und Rose einfach nur grossartig riecht und einen Raum geradezu verwandeln. Zitronenverbene ist ein Muss in jedem DestillateurInnen-Garten ... als Gesichtswasser, als köstlicher Zusatz im Wasser (oder in Cocktails!), wohlschmeckend und hautpflegend. Kann man mehr verlangen?

Aber den grössten Wow-Effekt hatte für mich sicherlich ein Hydrolat aus jungen Pfirsichblättern: ein köstlicher Geschmack nach Marzipan ... über frischen Erdbeeren ein Gedicht!

Welchen Rat gibst du Personen, die sich für 2019 vorgenommen haben, zum ersten Mal selber Pflanzen zu destillieren?

Als erstes natürlich – mit einem Augenzwinkern – unser Seminar besuchen! Wir haben uns vorgenommen die ganze Bandbreite der Ars Destillatoria, der Kunst des Destillierens, vorzustellen und die benötigten Gerätschaften und Materialien kennenzulernen. Ich hatte vor meiner ersten Destillation einen Heidenrespekt. Habe ich alles richtig zusammengesetzt? Habe ich genug Wasser im Kolben? Ist das Pflanzenmaterial richtig vorbereitet? Stimmt die Temperatur? Wenn man das einmal unter Anleitung selbst gemacht hat, dann ist es „leichter als Gulaschsuppe kochen“. Aber es gilt eben auch alle Vorsichtsmassnahmen zu beachten. Wir arbeiten mit Glas, mit Dampf, kochend heissem Pflanzenmaterial. Respekt und Achtsamkeit ist notwendig. „Wenn ich destilliere, dann destilliere ich ...“. Das ist nichts, was man nebenbei macht. Das ist etwas, das es verdient, dass man sich ihm mit voller Aufmerksamkeit und ganzem Herzen widmet. Und dann erhält man als Belohnung wundervoll duftende Schätze, deren Werdegang man vom Sammeln, Ernten bis zum fertigen Pflanzenwasser verfolgen kann. Die Wertschätzung gegenüber den Hydrolaten ist dann wirklich eine ganz andere als gegenüber einem gekauften Produkt.

Worin unterscheidet sich der Kurs an der SfA von anderen Destillationskursen?

Es gibt mittlerweile viele Kurse, in denen man das Destillieren erleben und erlernen kann. Meist mit den wunderbaren Kupferdestillen. So eine werden wir auch in Aktion erleben. Aber mir liegt am Herzen, die ganze Bandbreite der Möglichkeiten und Materialien aufzuzeigen. Destillieren mit Kochtopf und Dämpfeinsatz, mit einer handelsüblichen Kupferdestille, mit einem Alembik, einem Glashelm, wie er schon vor 500 Jahren verwendet wurde, mit von mir entwickelten Glasdestillen speziell für die Hydrolatdestillation. Alles ist möglich und alles werden wir ausprobieren. Die Nähe und die Herkunft der Destillation aus der Alchemie soll ebenfalls ein Thema sein. Und natürlich beantworten wir die Frage: „Was mache ich jetzt mit all meinen Schätzen?“ Wir wollen nicht, dass man mit Flaschen voller Hydrolate nach Hause geht und keine andere Idee für ihre Verwendung hätte, als sie in die Duftlampe zu schütten! Ideen für die Verarbeitung in der Naturkosmetik geben wir den TeilnehmerInnen mit auf den Weg. Natürlich werden wir auch gleich vor Ort, im Anschluss an die Destillation wundervolle Dinge aus unseren Hydrolaten zaubern ...

Am 23. Mai hören wir dich an der SfA mit dem Vortrag „Aphrodisiaka der alten Zeit“. Können unsere Kunden denn auch in heutiger Zeit von diesem historischen Thema profitieren?

Die alten Aphrodisiaka hatten meist die Aufgabe den “unteren Menschen“ zu erwärmen. Wenn die “geheimen Örter“ beiderlei Geschlechter erkaltet waren, dann haperte es auch mit der gewünschten Fruchtbarkeit. Aber Wärme, Wohligkeit, Entspannung und Hingabe sollten die Ergebnisse der Anwendung sein. Ja, ich denke ganz sicher, dass von der Idee auch die heutige Zeit profitieren kann.

Allerdings sind einige Rezepte von damals sicherlich recht wirksam, aber heute nicht mehr ganz legal ... wie z.B. ein Vorschlag aus dem alten Persien. Die Liebste möge doch von Kopf bis Fuss mit Honig eingestrichen durch ein blühendes Hanf-Feld laufen. Das Ergebnis war aber sicherlich bemerkenswert. Für die heutige Zeit lässt sich jedoch die Idee mit dem Honig wunderbar mit Ätherischen Ölen kombinieren ... warum nicht einen „erwärmenden Liebeshonig“ mischen? Honig, Schwarzer Pfeffer, Ingwer, etwas Sahne dazu und ab in die Badewanne. Da sind der Phantasie wirklich keine Grenzen gesetzt.

EH: Liebe Claudia, herzlichen Dank für dieses spannende Interview.